Was bedeutet eigentlich „bindungsorientiert“ und warum ist das so wichtig?

„Als Bindung bezeichnet man die starke und innige Beziehung, die wir zu besonderen Menschen in unserem Leben haben und die dazu führt, dass wir uns freuen, wenn wir mit ihnen zusammen sind und uns durch ihre Gegenwart gestärkt fühlen, wenn wir uns in einer belastenden Situation befinden.“
(„Entwicklungspsychologie“, L. Berk, 2011)

In den 60er Jahren fand der berühmte Verhaltensforscher John Bowlby heraus, dass es uns Menschen angeboren ist, uns um unseren Nachwuchs zu kümmern. Er begründete damit die Bindungstheorie. Sein Kollege Konrad Lorenz inspirierte ihn dazu, durch seine Versuche mit Graugänsen:

Nach dem Schlüpfen war er es, den die kleinen Gänseküken zuerst zu sehen bekamen. Somit hielten sie ihn für seine Mutter. Sie zeigten ein angeborenes Bindungsverhalten: Das erste Lebewesen, das sie in ihrem Leben sehen, dem folgen sie fortan.

Bei uns Menschen ist es etwas komplexer. Unser Bindungsverhalten wird im ersten Lebensjahr durch unsere sozialen Interaktionen geprägt. Je nachdem, welche Erfahrungen wir machen, entwerfen wir ein sogenanntes inneres Bindungsmodell, das uns ein Leben lang als eine Art Kopiervorlage dient.

Prompt und angemessen reagieren| Attachment Parenting

Im Mutterleib ist der Fötus im Normalfall rund um die Uhr optimal versorgt. Das heranwachsende Baby muss im Bauch der Mutter niemals frieren, es kennt keinen Hunger und wird immer sanft schaukelnd zu den Klängen des mütterlichen Herzens herumgetragen. Nach ca. 10 Monaten wird es dann geboren. Heraus, aus dem Bauch der Mutter, möchte es natürlicherweise diesen Idealzustand der optimalen Versorgung aufrechterhalten. Dafür hat es am Beginn seines Lebens genau eine Verhaltensweise zur Verfügung: Es weint.

Unser eigenes, natürliches Bindungsverhalten veranlasst uns, auf das Weinen des Babys zu reagieren. Hochnehmen, stillen/füttern, tragen oder anderweitig versorgen… Wir möchten alles tun, um unser Baby zu beruhigen. In den ersten Lebenswochen gibt es nicht viele verschiedene Bedürfnisse des Neugeborenen. Es reagiert hauptsächlich auf körperliches Unwohlsein.

In den 70er Jahren gab der Kinderarzt Dr. William Sears dem ganzen einen Namen: Er nannte das prompte und angemessene Reagieren auf die Bedürfnisse des Babys „Attachment Parenting“. Es war der Gegenentwurf zu den bis dato propagierten Erziehungsratschlägen wie:

  • Wenn man das Kind jedesmal hochnimmt wenn es weint, verwöhnt man es
  • Das Baby muss schreien, damit sich die Lungen gut entwickeln
  • Mit Babys braucht man sich nicht zu beschäftigen, die verstehen sowieso noch nichts

Inneres Arbeitsmodell

Ein Aspekt der Bindungstheorie nach Bowlby ist die These des inneren Arbeitsmodells. Diese besagt, dass  Erfahrungen, die wir als Baby in den ersten Bindungsbeziehungen machen, prägend für unser ganzes weiteres Leben sind:

Kann ein Kind auf die emotional postive Erfahrung von Schutz und Geborgenheit zurückgreifen und sich durch die Erinnerung an das gute Gefühl selbst beruhigen ist die reale Anwesenheit der Bezugsperson nicht mehr unbedingt nötig. Denn gelingt dieser innere Prozeß, ist das Kind nun in der Lage sich mit Hilfe des positiven „inneren Arbeitsmodells“ selbst zu regulieren und mit dem Gefühl von emotionaler Sicherheit weiter die Welt erkunden. (Vgl. L.Berk)

Bindungssicherheit | sicher gebundene Kinder

Kinder, die die Erfahrung gemacht haben, dass auf ihr Bindungsverhalten immer positiv reagiert wurde, nennt man sicher gebunden. Sie verfügen über eine Bindungssicherheit, die es ihnen ermöglicht, sich auf das Abenteuer Leben einzulassen, weil sie davon ausgehen, dass sie bei Bedarf immer einen sicheren Hafen finden werden. In der frühen Kindheit sind dieser sichere Hafen meist die Eltern als nahe Bezugspersonen. Später, können die Erfahrungen aus dieser Phase der Entwicklung auch auf andere Menschen, die erst im späteren Leben zu Bezugspersonen geworden sind, übertragen werden (z.B. nach einer einfühlsamen Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten).

Eine sichere Bindung ist ein psychischer Schutz und ein stabiles Fundament für eine gute Persönlichkeitsentwicklung und ein positives Lebensgefühl. Sicher gebundene Kinder sind widerstandsfähiger gegen Belastungen, haben mehr Bewältigungsmöglichkeiten, leben eher in freundschaftlichen Beziehungen, sind häufiger in Gruppen, verhalten sich in Konflikten sozialer, weniger aggressiv und finden Lösungen, die ihnen weiter helfen. Sie sind kreativer, flexibler, ausdauernder, und ihre Lern- und Merkfähigkeiten, also ihr Gedächtnis, sind besser, ebenso wie ihre Sprachentwicklung. Bindungssichere Kinder haben bereits im Kindergartenalter eine bessere Einfühlung in ihre Spielkameraden, denn sie haben von der Mutter oder einer anderen Bindungsperson gelernt: „Ich fühle, dass du fühlst, dass ich fühle. Ich denke, dass du denkst, dass ich denke.“

(Karl-Heinz Brisch, deutscher Kinderpsychiater und Autor u.a. des Safe-Elternprogramms)

4 Kommentare zu „Was bedeutet eigentlich „bindungsorientiert“ und warum ist das so wichtig?

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