Die Herausforderung, Gefühle achtsam zu begleiten

Gestern Abend haben wir uns getroffen, um darüber zu reden, wie wir unsere Kinder achtsam und wertschätzend dabei begleiten können, ihre Gefühle kennenzulernen. Was uns dabei helfen kann, habe ich im Folgenden für euch nochmal zusammengefasst:

Kleine Kinder haben noch keine Strategien, um plötzlich aufflammende Gefühle zu bewältigen. Ihr Nervensystem steigt plötzlich auf’s Gaspedal und sie wissen noch nicht, wo sie die Bremse finden. Dabei sind sie auf unsere Hilfe angewiesen. Um zu verdeutlichen, was Kinder brauchen, um eine gesunde Selbstregulation zu entwickeln habe ich den Prozess in 4 Schritte unterteilt:

1. Ruhe bewahren

Reagiert ein Kind z.B. wütend oder traurig, dann fühlt es dieses Gefühl mit jeder Faser seines Körpers. Es hat in diesem Moment dann keine Wahrnehmung für andere Emotionen. Das kann sehr überwältigend sein. Eine große Hilfe, ist dann ein Erwachsener, der ruhig und besonnen bleibt und das Kind durch seine Gefühlswallung hinduch begleitet. Die innere Haltung zu diesem Schritt ist:

  • Ich unterstütze dich, deine Gefühle kennenzulernen
  • Ich gestehe dir deine Gefühle zu
  • Ich halte deine Gefühle aus

Gerät man dagegen selbst in Wallung, weil man sich vielleicht ärgert, dass das Kind schon wieder so reagiert oder die Reaktion als Provokation begreift, läuft man Gefahr in eine Negativ-Spirale abzudriften. Beide, sowohl das Kind, als auch der Erwachsene treten emotional auf’s Gaspedal. Was meistens dazu führt, dass sich die Situation verschlimmert, anstatt sich zu beruhigen. Der Lerneffekt im Bezug auf die Selbstregulierung ist dann für das Kind auch eher gering. Stattdessen lernt es: Ich tobe so lange, bis ich nicht mehr kann.

Wichtig ist hierbei natürlich auch, die eigenen Grenzen zu achten:

  • In welcher Situation befinde ich mich gerade?
  • Wie ist meine eigene, momentane Verfassung?

Die Ansprüche, die man an sich selbst stellt, müssen immer verhältnismässig und angemessen sein. Ist es realistisch, dass ich nach einem langen Arbeitstag an der Supermarktkasse ruhig bleiben kann, wenn mein dreijähriges Kind plötzlich sehr wütend wird? Die Antwort darauf ist sicher sehr individuell!

Im Amerikanischen gibt es ein Sprichwort: Choose your battles! Wenn es dir also nicht so leicht fällt ruhig zu bleiben, macht es Sinn, erstmal in weniger stressigen Situationen einen Erfolg von sich selbst zu erwarten. Es hilft niemandem, wenn du hinterher obendrein noch enttäuscht von dir selbst bist, weil du es mal wieder nicht geschafft hast ruhig zu bleiben…

2. Anerkennen

Gefühle machen uns lebendig. Durch sie werden wir zu denen, die wir sind. Kinder lernen sich noch kennen. Durch das Zusammensein mit uns, sehen sie wie in einen Spiegel. Wenn wir uns auf ihre Gefühle einlassen, bekommen sie eine Resonanz:

  • Ich verstehe dich
  • Ich bin für dich da
  • Ich respektiere deine Gefühle
  • Ich kenne, was du fühlst

Dieser Schritt ist sehr wichtig und zutiefst menschlich. Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, in der Gefühle nicht gespiegelt werden, entwickeln Traumatisierungen. Sie können ihr Erleben nicht in ihren Erfahrungsschatz integrieren. Ihre Reaktionen lernen sie dann nicht verhältnismässig zu dosieren. Im späteren Leben reagieren sie dann entweder immer mit zuviel (Wut, Trauer, Freude oder Angst) oder sie spalten das Gefühl ab und fühlen es dann gar nicht mehr. Eine angemessene Selbstreguliereung ist somit nicht möglich.

Meinem Kind kann ich Gefühle aber nur spiegeln, wenn ich selbst in der Lage bin, dieses Gefühl wertfrei zu spüren. Wenn ich mir selbst nicht zugestehe wütend zu sein, ist ein „Ich respektiere deine Wut“ aus meinem Mund nicht authentisch. Es lohnt sich also, wenn du dich selbst einmal im Bezug auf die 4 sogenannten Basisemotionen hinterfragst:

Wie geht es mir mit meiner

  • Wut
  • Trauer
  • Freude
  • Angst

3. Erklären, was passiert ist

Bis hierhin ist das Gehirn vollständig mit der Verarbeitung des Gefühls beschäftigt. Dies ist aber nur ein Teil der Situation. Denn meistens ist der Empfindung ein Ereignis vorausgegangen, auf das das Kind reagiert. Beginnt man, dem Kind dies zu erklären, aktiviert das einen anderen Teil des Gehirns. Das eröffnet die Chance sich zu beruhigen.

  • Ich benenne deine Gefühle und erkläre dir, was passiert (ist)

Wichtig ist, sich auf das Wesentliche der Situation zu beschränken: „Da, an dieser Stelle hast du dich gestossen? Hier? Ja, da ist auch eine kleine Kante, das kann ich mir sehr gut vostellen, dass das weh tut. Wo am Kopf tut es dir jetzt weh? Hier? Ich schau mal, ob ich was erkennen kann…“

Oder: „Diese Puppe ist es, die du gerne hättest? So gerne, dass du dich jetzt ganz schön aufregen musst, weil wir sie jetzt nicht kaufen? Ich merke, dass du ganz schön wütend bist. Meinst du diese hier, mit der blauen Hose? Das kann ich gut verstehen, das ist aber auch eine besonders hübsche Puppe, die gefällt dir sehr gut oder? Schau mal, die hat ja richtig  lange Haare.“

4. Den nächsten Schritt einleiten

Um aus der ganzen Situation wieder herauszufinden, brauchen Kinder uns Erwachsene als Wegweiser. Wie bereits erwähnt sind sie vollkommen mit sich beschäftigt. Deshalb ist es wichtig, dass wir im letzten Schritt den Ausweg beschreiben.

  • Ich begleite dich durch dein Gefühl hindurch

Manchmal ist die Lösung für das Problem des Kindes aus Erwachsenensicht recht einfach bzw. klar. Umso jünger das Kind ist, desto intensiver und geduldiger muss es bis hierhin begleitet werden, um überhaupt offen zu sein, für eine Lösung. Und um die Situation gut abzuschließen, musst du bis hierhin durchhalten, damit du eine Unterstützung für dein Kind sein kannst. Wir Erwachsenen sind es, die die Richtung vorgeben. Wir entscheiden, ob die Puppe gekauft wird oder wann wir nach Hause gehen.

Es kann hilfreich sein den nächsten Schritt konkret zu verbalisieren: „Und jetzt gehen wir zur Kasse und bezahlen unseren Einkauf. Du kannst den Wagen schieben oder die Sachen auf das Band legen.“

Wenn wir uns auch in unserern Gefühlen verlieren, kann es passieren, dass wir die Entscheidungsgewalt  abgeben. Das ist aber überfordernd für Kinder. Sie möchten sich auf uns verlassen, sie gehen davon aus, dass wir wissen, was gut für sie ist und dass wir gute Entscheidungen für sie treffen.  So signalisieren wir: Das Leben geht weiter…

Authentisch sein heißt auch unperfekt sein

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und es geht nicht darum immer alles richtig und perfekt zu machen. Mir geht es darum Kinder und ihre Gefühle zu respektieren und in ihrer Entwicklung bestmöglich zu unterstützen und zu begleiten. Es ist aber auch wichtig authentisch zu sein. Es ist ok, wenn du nicht immer ruhig bleiben kannst. Mehr noch: Das IST authentisch, das ist wer du bist. Das ist auch wichtig für dein Kind zu erleben.

Allerdings fragen Kinder eben auch sehr intensiv danach, wer wir sind und schonen uns dabei nicht. Sie zeigen uns, wo wir uns noch ein bisschen weiter entwickeln können. Sie zeigen uns auch, wo unsere verletzlichen bzw. verletzten Stellen liegen. Das wollen wir manchmal nicht so gerne sehen und das schmerzt uns manchmal auch.

All das darf sein, das Verletzte, das Unangenehme und das Unperfekte. DAS ist das Leben. Das sind wir! Wir müssen nur aufpassen, es unseren Kindern nicht vorzuwerfen. Sie können nichts, für unsere Unperfektheit und unsere Verletzlichkeit. Sie haben unsere Geschichte bis hierher nicht mitgeschrieben, aber wir müssen immer daran denken, dass wir IHRE Geschichte maßgeblich mitschreiben …

 

10 Kommentare zu „Die Herausforderung, Gefühle achtsam zu begleiten

  1. Danke für den sehr interessanten Abend! Mir sind viele Situationen eingefallen in denen es mit deinen Tipps deutlich entspannter hätte laufen können und auch einige in denen ich aus dem Bauch heraus richtig/ unterstützend gehandelt habe. Reelle Beispiele von den anderen Müttern haben das ganze noch verständlicher gemacht. Ich bin gespannt wie sich die nächsten Situationen entwickeln wenn man mit dem Wissen in der Hinterhand ruhiger da steht 😉

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