10 Schritte, wie ihr vermeidet zu Helikoptereltern zu werden

In den Medien wird ja gerne auf den sogenannten Helikopter-Eltern rumgehackt. Es ist eine, wie ich finde sehr emotional geführte Debatte, bei der vor allem sehr vorsichtige und/ oder ängstliche Eltern nicht gut bei wegkommen. Und tatsächlich ist auch meine Wahrnehmung, dass Eltern sich sehr viele Gedanken um die Entwicklung und Gesundheit ihrer Kinder machen und dies leider auch immer häufiger mit einem besorgten und ängstlichen Unterton einhergeht. Dabei ist doch allgemein bekannt, dass Angst kein guter Ratgeber ist, oder? Das gilt auch für die Erziehung und das Zusammenleben mit Kindern. Denn Kindern tut es nachweislich nicht gut, in Watte gepackt und dauerhaft unterfordert zu werden, nur damit die Eltern beruhigt sind!

Die Erfahrung zeigt, dass auch Kinder dadurch immer unsicherer und ängstlicher  werden. Dabei brauchen Kinder gar nicht viel, wie ihr an der folgenden Liste sehen könnt. Ich habe 10 Dinge zusammengetragen, die für die kindliche Entwicklung enorm wichtig sind und Kinder gleichzeitig immer seltener tun dürfen.

Wenn auch du findest, dass du eher ängstlich im Umgang mit deinem Kind bist, ist meine dringende Empfehlung, dass du dich überwindest: Deine Angst ist in dir, dein Kind MUSS seine eigenen Erfahrungen machen dürfen, um selbstbewusst und gesund aufwachsen zu können!

10 Dinge, wie du dein Kind im Alltag stärkst:

  1. Lass dein Kind die Treppe selber gehen | Für viele Eltern ist es normal kleine Kinder die Treppe hoch oder runter zu tragen. Vielleicht weil es schneller geht, oder weil sie verhindern möchten, dass das Kind die Treppe herunter fällt, oder weil das Kind sich einfach weigert selbst zu gehen. Das ist natürlich alles verständlich, dennoch ist es wichtig, dass auch schon Krabbelkinder die Möglichkeit bekommen Stufen zu überwinden. Denn das kindliche Gehirn braucht viele Anreize, um sich gesund zu entwickeln. Das Steigen von Stufen liefert einen wichtigen Reiz für die Lage- und Bewegungsempfindung. Kinder, die immer nur getragen werden, bekommen nicht ausreichend Gelegenheit zu spüren, wie sie ihren Körper für bestimmte Bewegungsabläufe einsetzen müssen. Dadurch werden die Bewegungen, die im Laufe der Entwicklung immer komplexer werden, nicht ausreichend verinnerlicht. Wodurch dann die Gefahr besteht, dass die Kinder unsicher und ängstlich die Treppe laufen und die Unfallgefahr paradoxerweise ansteigt.
  2. Lass dein Kind klettern | Schon ganz kleine Kinder wollen oft hoch hinaus. Und Eltern sollten das unterstützen. Alles, was sich dein Kind zutraut, kann es theoretisch auch schaffen. Probier es aus: Steh in Reichweite aber greife nicht ein! Wenn dein Kind versucht, sich an etwas festzuhalten, was sein Gewicht nicht halten wird, zeige ihm, wo es sich stattdessen festhalten kann. Kinder müssen Klettern! Die Gründe sind dieselben, wie beim Treppensteigen: Der Körper braucht die Reize, um sich gesund zu entwickeln. Nachweislich verletzen sich Kinder, die viel Klettern übrigens weniger als Kinder, die nicht oft die Möglichkeit dazu bekommen. Der Grund ist einleuchtend: Kinder, die viel klettern sind einfach sicherer, sie wissen besser, was sie sich zutrauen können und können so Gefahren besser einschätzen. Wachse mit deinem Kind: Lass es von Anfang an viel klettern, so wächst euer Vertrauensverhältnis gemeinsam mit den Fähigkeiten deines Kindes. Übrigens haben Kinder grundsätzlich ein intuitives Gespür für Gefahren. Sich auch mal zu verschätzen hilft dabei, dieses Gespür dem Entwicklungsstand anzupassen.
  3. Zieh deinem Kind die Schuhe aus| OK, dieser „Trick“ ist so simpel, wie schwierig durchzusetzen. Wann immer es geht, lass einfach dein Kind Barfuß laufen! Ich weiß nicht warum, aber Eltern haben eine große Angst vor kalten Kinderfüßen. Und ja, natürlich liegen draußen überall Dinge rum, in die die Kinder reintreten können und dann noch die Bienen im Sommer… Trotz alledem: Barfußlaufen ist so super für kleine Kinderfüße. Auch hier bekommt das Gehirn wieder so viele tolle Reize geboten, die sich wiederum positiv auf viele andere Lebens-und Lernbereiche auswirken. Barfußlaufen „erdet“ auch. Probier es mal aus: Wenn dein Kind das nächste mal unruhig oder unzufrieden ist, geht einfach eine Runde Barfußlaufen. Barfußlaufen erfordert Achtsamkeit und bringt uns in unseren Körper zurück, wir spüren uns dann einfach besser. Außerdem werden beim Barfußlaufen alle Fußmuskeln gefordert, was Kinderfüße bei der Ausbildung eines Fußgewölbes Unterstützt und somit langfristig gesunde Füße macht.
  4. „Vergiss“ den Kinderwagen | Wir sind eine sitzende Gesellschaft. Sitzen wird sogar schon als das neue Rauchen propagiert. Mach dein Kind nicht zum Sitzenbleiber, sondern zum Aktivisten. Baue je nach Alter deines Kindes kleine Fußtouren ein, zu denen du einfach gar keinen Kinderwagen dabei hast und als Alternative nur das Tragen in Frage kommt. Wenn du mit Tragen an deine persönliche Grenze kommst, dann sagst du das deinem Kind und erklärst ihm, dass es jetzt läuft. Wenn es dann einen Wutanfall bekommt begleitest du es dadurch. Umso früher man mit Kinderwagenfreier Zeit beginnt, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich dein Kind an das Laufen gewöhnt und mit der Zeit einfach immer fitter wird.
  5. Lass dein Kind etwas „gefährliches“ machen | Meine Hebamme sagte damals zu mir: „Nun ja, das Leben ist lebensgefährlich“. Recht hat sie. Wir Eltern müssen einfach damit klar kommen, dass sich unsere Kinder 24 Stunden am Tag in Lebensgefahr befinden. Sie mutwillig von allem „gefährlichen“ fern zu halten schadet ihnen eher, als dass es ihnen nützt. Wir MÜSSEN Kindern etwas zutrauen, AUCH vermeintlich gefährliche Dinge! Dies ist essentiell für ihre Entwicklung. Kinder, die sich nie ausprobieren durften und stattdessen mit den Vorbehalten ihrer Eltern konfrontiert waren entwickeln im Laufe der Zeit Kompensationsstrategien, die sie häufig ihr gesamtes Leben begleiten. Es gehört zur kindlichen Natur neugierig zu sein und neues Lernen zu wollen. Aber dazu gehört eben alles! Wenn Kindern aber regelmäßig spannende Aktivitäten vorenthalten oder gar verboten werden, verlieren sie früher oder später den Mut, das Interesse oder die Liebe am und zum Leben. Klingt hart? Ja, und ist es auch, vor allem nämlich für die Kinder. Dein Kind „gefährliche“ Dinge tun zu lassen bedeutet, dass du Vertrauen und Zuversicht spendest und somit in eine selbstbestimmte Zukunft deines Kindes investierst. Arne von der Waldläuferbande hat auch einen Artikel darüber geschrieben und ein paar „gefährliche“ Ideen gesammelt.
  6. Wenn dein Kind hinfällt, zähl bis 5 bevor du ihm hilfst aufzustehen | Vielleicht hast du es selbst schon einmal beobachtet: Wenn ein Kind hinfällt und sich weh tut, dauert es immer eine Sekunde, bis es schließlich anfängt zu weinen. Das ist quasi die Schrecksekunde, die das Nervensystem braucht, um zu verarbeiten, was da gerade passiert ist und auch, um überhaupt einen Schmerzreiz ans Gehirn zu senden. Wenn Eltern sehen, dass ihr Kind gestürzt ist, neigen sie dazu das Kind sofort hochzunehmen, um es zu trösten. Allerdings nehmen sie dabei dem Kind die Möglichkeit seinen Sturz angemessen zu verarbeiten. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer kleinen Traumatisierung kommen, weil das schnelle Hochnehmen so plötzlich kommt. Besser ist es, deinem Kind einen Moment Zeit zu geben, sich in der neuen Situation zu orientieren und auch den Schmerz wahrzunehmen. Es hilft deinem Kind nachvollziehen zu können, was passiert ist und wieso es sich auf einmal so anders fühlt. Auch die plötzliche Lageveränderung ist eine große Herausforderung und muss erstmal realisiert werden. Sofern dein Kind nicht ernsthaft verletzt ist und versorgt werden muss, ist es sogar besser es gar nicht hochzunehmen, sondern es verbal dabei zu unterstützen, zu verstehen, was gerade passiert ist. Sprich ruhig mit deinem Kind und zeige ihm wo es runter gefallen ist oder woran es sich weh getan hat. Dann kannst du fragen, wo am Körper es Schmerzen spürt und anbieten es hochzunehmen oder beim Aufstehen zu helfen.
  7. Heb dein Kind nicht auf Spielgeräte rauf | Wenn es ein Kind nicht alleine auf ein Spielgerät schafft, dann hat das seine Gründe. Lass es einfach dabei! Beim kindlichen Spiel ist der „Weg das Ziel“. Der Spielplatz ist kein Zirkeltraining, bei dem es darum geht möglichst viele Spielgeräte in möglichst kurzer Zeit zu bezwingen. Viel mehr ist es ein Erfahrungsraum, der in erster Linie Möglichkeiten bietet. Und diese Möglichkeiten auf der Grundlage der eigenen Fähigkeiten zu erkunden, DAS macht Kinder stark und selbstbewusst. Ein „ich habe es nach einem halben Jahr endlich alleine geschafft“ ist so viel mehr Wert als ein „ich schaffe es sofort (aber nur) durch meine Eltern“. Außerdem lernen Kinder beim selbstständigen Bewältigen des Weges viel über die Art der Herausforderung und lernen so automatisch die Gefahr im Bezug auf ihre Fähigkeiten einzuschätzen. Was wiederum sehr wirksam Unfällen vorbeugt!
  8. Geh einer Leidenschaft/ einem Hobby nach | Bevor du Kinder hattest, was hast du da so gemacht? Was waren deine Leidenschaften und wofür hast du gebrannt? Das Leben mit Kindern kann mitunter fordernd sein und da kann es leicht passieren, dass wir uns selbst aus dem Fokus verlieren. Kinder profitieren in der Regel aber nicht davon, wenn unsere Gedanken nur noch um sie kreisen. Vielmehr profitieren sie von erwachsenen Vorbildern, die ihnen Leidenschaft und Selbstfürsorge vorleben. Die ihnen etwas erzählen können, über eine Sache, bei der ihr Herz höher schlägt. Was machst du gerne? Mach es!
  9. Lass dein Kind im Matsch spielen | Yay, im Matsch spielen macht Spaß und glücklich und dreckig…Lass dein Kind immer und immer wieder im Matsch patschen und pümpeln und tüddeln. Es ist gut für die Immunabwehr! Es ist gut für die Wahrnehmung! Es ist gut für die Phantasie! Es ist gut für das Interesse an der Natur! Es ist gut für die Seele! Es ist gut für das innere Freiheitsgefühl und die Selbstwirksamkeit! Im Matsch zu spielen ist einfach gut. Punkt.
  10. Sei entspannt und unperfekt | Ok, jetzt noch ein wichtiger Punkt. Wenn du bis hierhin gelesen hast, bist du innerlich wahrscheinlich schon ganz aufgewühlt weil ich so viele wahnsinnige Dinge von dir verlange… Das ist in Ordnung! Du darfst Angst haben und du darfst das alles unmöglich finden. Aber du darfst es deinem Kind nicht verwehren. Das ist alles, was ich sage. Mir liegen die Kinder am Herzen und deshalb muss ich euch Eltern darauf aufmerksam machen, dass das Verengen der Spielräume und des Erfahrungsumfeldes deines Kindes aufgrund deiner Angst entwicklungsgefährdend ist. Du musst nicht sofort viel tun. Entspann dich, und frage dich, welchen der genannten Punkte du als erstes umsetzen möchtest und probier es aus. Mit Ängsten ist nicht zu spaßen. Jemand, der starke Angst empfindet, empfindet starke Angst, dabei ist es völlig unerheblich ob die Angst begründet ist oder nicht. Wichtig ist, dass du erkennst, wenn du übersteigerte Gefühle hast. Entspann dich, lehn dich zurück und lass dein Kind machen. Es ist alles halb so wild. Wenn du es wirklich nicht aushälst, dann geh einen Schritt zurück. Aber versuch bei der nächsten Gelegenheit wieder, deinem Kind mehr Freiraum zuzugestehen. Tu es für dein Kind!

Zum weiterlesen:

  • Wenn du dich fragst, wie Ängste entstehen und wie du konstruktiv mit ihnen umgehen kannst, findest du diesen Artikel vielleicht interessant.
  • Ängste entstehen nicht ohne Grund. Vielleicht haben Erfahrungen in deiner eigenen Kindheit einen Beitrag dazu geleistet, dass du dich heute so fühlst wie du dich fühlst. Hier gibt es ein paar Anregungen, wenn du darüber nachdenken möchtest.
  • Häufig sind unsere eigenen Denkmuster eingefahren. Wenn du deine Art (über dich selbst) zu denken hinterfragen möchtest, gibt es hier eine kleine Anleitung.
  • Hier kannst du nachlesen, wie ich über Erziehung denke.
  • Lies hier, warum es manchmal besser ist, gar nichts zu machen.
  • Und hier, warum Sorgen wie Nudeln sind…

 

3 Kommentare zu „10 Schritte, wie ihr vermeidet zu Helikoptereltern zu werden

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