Wenn wir unseren Kindern nicht (ver)trauen, werden sich unsere Kinder nicht trauen…|Mut vermitteln anstatt Angst

Kürzlich schrieb ich einen Artikel über 10 Schritte, die man gehen kann, um kein Helikopterelternteil zu werden. Heute möchte ich einen Ergänzungspost dazu machen. Denn ich glaube manchmal bleibt die Frage im Raum, was jetzt eigentlich der Unterschied zwischen „helikoptern“ und elterlicher Fürsorge ist.

Bist du noch fürsorglich oder helikopterst du schon?

In uns Eltern wohnt der Wunsch unsere Kinder zu behüten und zu beschützen. Das ist gut und richtig so. Evolutionsbiologisch sichern wir so den Fortbestand unserer Spezies. Dieser Wunsch ist also so alt wie die Menschheit und wird uns von Generation zu Generation als kleine Inschrift in den Genen weitervererbt.

Aber auch die Babys kommen mit einer Art Lebensaufgabe zur Welt: Neben den motorischen und kognitiven Lernaufgaben, haben sie im ersten Lebensjahr die überaus wichtige Aufgabe, sich zu binden. Durch ihr Weinen kommunizieren sie von der ersten Sekunde an das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Fürsorge. Die Personen, die am häufigsten darauf reagieren, werden dann zu den primären Bindungspersonen. Das (Bindungs-) Verhalten dieser besonderen Bezugspersonen wiederum prägt das Baby für sein ganzes Leben: Die Art und Weise, wie die primären Bindungspersonen (z.B. die Eltern) auf die Bedürfnisse des Babys reagieren formt das Selbstbild des Kindes und das sogenannte innere Arbeitsmodell, eine Art Schablone dafür, wie man später mit anderen Menschen umgeht.

Im besten Falle reagieren die Eltern prompt und angemessen auf die Bedürfnisse des Säuglings: nehmen ihn hoch, reden sanft mit ihm und stillen den Hunger und das Saugbedürfnis. So vermitteln sie dem Baby:

Du bist wertvoll. Es ist uns wichtig, wie es dir geht.

Die Eltern halten ihr Baby sicher im Arm, solange es selbst noch nicht mobil ist. Sie sind für es da und geben ihm Geborgenheit, Wärme und das Gefühl dass alles in Ordnung ist. Diese Nähe führt bei Eltern und Kind zur Ausschüttung des sogennanten „Bindungshormons“ Oxytocin. Oxytozin wirkt unter anderem entspannend und ausgleichend auf den Körper und stärkt unsere Vertrauensfähigkeit. Das wiederum ist enorm praktisch, wenn das Baby zu Krabbeln beginnt und seinen Aktionsradius ausweitet. In einer sicher gebundenen Eltern-Kind-Beziehung beginnt nun, wie Entwicklungspsychologen es nennen:

Der Kreis der Sicherheit

Die elterlichen Hände, die das Baby bis gerade noch schützend gehalten haben, lockern nun ihren Griff und die eine Hand begleitet das Kleinkind untertützend in die Welt hinaus, um sich und seine Umwelt zu erforschen. Das Kind kann so sein Grundbedürfnis nach Autonomie zunächst entdecken und im weiteren Verlauf ausleben. Wenn das Kind merkt, dass es sich ein wenig zu weit von den Eltern entfernt hat und sich ängstigt oder Schutz sucht, dann kommt die andere elterliche Hand und nimmt das Kind liebevoll und wissend wieder in Empfang. Das Kind kann zur Ruhe kommen, sich entspannen und die gemachten Erlebnisse verarbeiten. Bis es sich, geleitet von der ersten Hand, wieder auf den Weg zu neuen Erkundungen macht.

Kreise ziehen (lassen)

Im Laufe der Zeit zieht das Kind immer weitere Kreise und erweitert gleichermaßen seine Fähigkeiten und seinen Horizont. Ein sicher gebundenes Kind vergisst dabei nicht seine Basis und kommt immer wieder nach seinen Erkundungen in die elterliche Geborgenheit zurück, um Kraft und Zutrauen zu tanken.

Fürsorgliche Eltern vertrauen intuitiv auf den Kreis der Sicherheit und halten ihn aufrecht. Dieses Vertrauen macht sicher und ruhig. Denn auch die Eltern profitieren von der Oxytocin-Ausschüttung und dem Gefühl, dass alles gut so ist, wie es ist. Mit den Fähigkeiten des Kindes wächst auch das Vertrauen der Eltern in eben diese und sie können das Kind ziehen lassen.

Der Fels in der Brandung sein anstatt unruhig herumzuschwirren

Der Entscheidende Unterschied zum „helikoptern“ ist, dass bindungsorientiert agierende Eltern und Bezugspersonen dem Kind Halt und Orientierung geben, indem sie sich selbst möglichst wenig bewegen. Während Helikopter Eltern um ihre Kinder herumschwirren, um möglichen Schaden aktiv von ihnen abzuwenden, bewegen sich die „nicht helikopternden“ Eltern entsprechend wenig bis gar nicht selbst. Dadurch werden sie quasi zum Fels in der Brandung und behalten die Übersicht. Kommt das Kind dann in den sicheren Hafen zurück, strahlen sie innere Ruhe und Sicherheit aus. Sie tragen die Sicherheit im Innern, während unsichere Eltern versuchen die vermeintliche Gefahr, die von außen droht zu regulieren.

Den Rahmen bestimmen

Unsere Aufgabe als Eltern und Erzieher*innen ist es also einen angemessenen Rahmen für das Kind zu bestimmen, in dem es sich frei und aktiv bewegen kann, ohne dass wir (dauerhaft) eingreifen und/oder kontrollieren müssen. Es liegt in unserer Verantwortung dem Kind eigenständige Lern-und Explorationsmöglichkeiten zu bieten und kurz gesagt: Loszulassen. Halten wir dagegen das Kind dauerhaft fest und somit zurück, beschneiden wir es in seinem natürlichen Autonomiebestreben. Meiner Erfahrung nach führt das dauerhafte Eingrenzen des Autonomiebedürfnisses zu zwei Reaktionen des Kindes:

Je nach Temperament und Vorerfahrungen stellt das Kind sein Bemühen weitestgehend ein und entwickelt z.B. selbst Ängste oder eine Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber oder das Kind geht in Opposition und rebelliert übermäßig gegen elterliche Vorgaben auch in Situationen wenn diese Vorgaben eigentlich sinnvoll sind.

Loslassen kann Dehnungsschmerz erzeugen…

…und ist trotzdem unerlässlich für die seelische Gesundheit unserer Kinder. Wir müssen das gesunde Streben nach Autonomie unbedingt begrüßen und begleitend unterstützen. Wir müssen unseren Kindern die Möglichkeit geben sich selbst und die Welt eigenständig zu entdecken und ihre Fähigkeiten zu erweitern. Wir müssen unsere eigenen Ängste erkennen und in den Griff kriegen, denn wenn wir alle elterlichen Ängste auf dem Rücken unserer Kinder austragen, produzieren wir eine kranke Generation. Denn: Ständige Sorgen machen krank!

Die Lösung besteht in einer starken, tragfähigen Bindung zwischen Eltern und Kind. Wenn wir unser Kind von Anfang an begleitet haben und realistisch beobachtet haben, was das Kind schon kann, können wir auch besser vertrauen. ABER: Die Angst wird nicht weggehen. Darauf brauchen wir nicht warten, denn die Angst gehört einfach dazu. Wir müssen stattdessen lernen, trotz Angst ruhig zu bleiben und selbstsicher zu agieren. Die Angst hat eine Botschaft für uns, sie möchte kommuniziert aber nicht ausagiert werden:

Rede mit deinem Kind in Ruhe über mögliche Gefahren und Risiken, aber agiere immer vertrauensvoll! Denn das macht stark und gibt Mut das eigene Leben in die Hand zu nehmen, um ein glücklicher und lebensbejahender Erwachsener zu werden.

Zum Weiterlesen:

Hast du das Gefühl, dass du deine Angst nicht alleine in den Griff bekommst? Ich kann dich begleiten und unterstützen.

Am 5. März ist „Angst“ auch das Thema der Abendgruppe

Ein Kommentar zu „Wenn wir unseren Kindern nicht (ver)trauen, werden sich unsere Kinder nicht trauen…|Mut vermitteln anstatt Angst

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